Fernsehempfang in Graubünden

Dank portablen Geräten und digitaler Technologie ist heute Fernsehen überall und jederzeit erhältlich. Die Digitalisierung und die Technik veränderten die Sehgewohnheiten und den Ort, an dem wir fern schauen. Bevor wir aber mediale Inhalte digital empfingen, am Anfang des Fernsehens in der Schweiz, bestimmte auch die geographische Lage, wo fernsehen möglich wurde. Das Beispiel der Geschichte des Fernsehens in Graubünden zeigt dies deutlich.

Von Adrian Stecher, Januar 2017.

Fachhändler für Radio- und Fernsehgeräten bei der Messung der Feldstärke an einem unbekannten Ort in Graubünden. Quelle: Kantonsbibliothek Graubünden, Dokumentation Karl Nüesch, Tele-Curia.

Es war ein herausragender Werbeanlass für das neue Medium Fernsehen. Vom 22. bis zum 29. November 1953 luden eine Gruppe Bündner Fachhändler für Radio- und Fernsehgeräten rund um Hans Bernhard die LeserInnen der Neuen Bündner Zeitung dazu ein, nach Maienfeld in die Gastwirtschaft „Heidihof“ zu fahren, um dort der ersten offiziellen Fernsehvorführung Graubündens beizuwohnen. Unweit von jenem Ort, wo Johanna Spyri einst ihre Romanfiguren Erholung vom hektischen Alltag der Stadt suchen liess, fanden sich die Schaulustigen ein, sassen beisammen, assen, tranken und warteten im Speisesaal gespannt auf jenen Moment, in dem sie zum ersten Mal die in Zürich produzierten und in Echtzeit gesendeten, bewegten Bilder über den Bildschirm flimmern sehen sollten.

Die Durchführung des Anlasses war möglich, weil der Bundesrat eine Woche zuvor das nationale Verbot von Fernsehen in Gasstätten auflöste. Denn nirgends, weder im Churer Rheintal noch im Prättigau und auch nicht im Domleschg, fand man so gute Bedingungen vor für den Empfang von Kurzwellen, wie im Heidihof oberhalb von Maienfeld. Die hier von den Fachhändlern durchgeführten Messungen zur Feldstärke ergaben 170 bis 175 Microvolt. Das waren bis zu 120 Microvolt mehr, als in anderen Regionen gemessen.

Ob der Grund für die an verschiedenen Orten unterschiedlich gemessenen Feldstärken von der direkten Strahlung oder doch eher von der Reflexion herrührten, waren sich die Fachleute uneinig. Einig war man einzig in der Vorstellung, dass die Berge als natürlicher Wall zwischen dem Üetliberg, auf dem der Fernsehsender stand, und dem Kanton Graubünden fungierte, und dass der Empfang von Fernsehkanälen nur dann möglich war, wenn der Standort des Geräts an einer topographisch exponierten Lage und auf direkter Luftlinie zu einem Fernsehsender befand. Bis dato waren die Voraussetzungen zum Empfang von Fernsehen in Graubünden in einigen Regionen des Oberengadins, in Feldis und eben oberhalb von Maienfeld gegeben.

Nebst der technischen und geographischen Komponente, spielte die Kommerzielle eine wichtige Rolle für die Durchführung der Fernseh-Demonstration, wie Hans Bernhard den Anlass in einer Annonce bezeichnete.[1] Der Anlass sollte einerseits die Aufwände, die die Organisatoren durch Schaltung von Annoncen, Bereitstellung der technischen Geräte und Durchführung von einer doch beachtlichen Anzahl von Kurzwellentests in verschiedenen Dörfern Graubündens betrieben, zumindest decken. Andererseits sollte die anfängliche Skepsis gegenüber dem neuen Medium Fernsehen der Gewissheit weichen, dass der Empfang von bewegten Bildern in Graubünden in relativ guter Qualität möglich ist und so das Interesse der Gäste für das neue Medium wecken, um eventuell neue Kunden zu erschliessen. Über allem aber war der Anlass ein Schauspiel, ein Event, eine Propaganda für das Fernsehen schlechthin.

Die Akquise von neuen Kunden scheiterte. Das publizistische Angebot war 1953 schmal und die Fixpreise für Fernsehapparate waren mit einem Stückpreis zwischen CHF 1500.- und 2000.- zu hoch. Ausserdem hatte bis zur Errichtung des Relaissenders oberhalb von Says 1958 die gesamte Region rund um Chur keinen Fernsehempfang. Somit verfügten die Fachhändler für Radio- und Fernsehapparaten über ein Produkt, das zwar technisch einwandfrei funktionierte, aber keinen Absatz fand, weil die topographische Lage Graubündens an vielen Standorten die wichtigste Funktion des Fernsehers verhinderte: Die Darstellung und Wiedergabe von bewegten Bildern auf einem Bildschirm.

Der Fernseher stand nun im Speisesaal bereit. Kurz vor 20:30 Uhr wurde er eingeschaltet. Der Empfang funktionierte tadellos. Ein Journalist, dessen Namen nicht bekannt ist, schrieb einige Tage nach der Fernsehvorführung in der Neuen Bündner Zeitung euphorisch: „Fernsehempfang in Graubünden, das gibt es doch nicht. Oh doch. (…) Die direkt aufgenommenen Bilder der einzelnen Personen waren überraschend gut, so dass man fast glauben könnte, sie stünden nur hinter einer Fensterscheibe.“ Ende 1958 zählte die Umgebung rund um Chur 100 Konzessionäre. Bis weite Teile Graubündens an das nationale Fernsehnetz angeschlossen waren, sollten weitere neun Jahre vergehen.

 

Quellen:

[1] Vgl. Dokumentation Karl Nüesch, Dr Schuss isch dussa!

Ganz-Blättler, Ursula / Mäusli, Theo, Fernsehen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Onlineversion. 31.03.2016. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D10986.php, den 30.01.2017.

Kantonsbibliothek Graubünden, Dokumentation Karl Nüesch, Tele-Curia. Interessens-vereinigung zur Förderung des Fernsehempfangs in Chur und Umgebung. Chur 1953-1964.

Schweizerisches Sozialarchiv, Arbeiter-Radio-Bund der Schweiz (ARBUS), Protokolle und Sitzungen, 1952.